Die Tage, an denen ich über Disziplin schreiben wollte habe ich Black Echo gelesen, Michael Connellys ersten Roman mit Detective Hieronymus Bosch. Unangepasst, unangenehm und unerträglich (zumindest fürs System) lässt sich dessen Arbeitsauffassung aber dazu nicht anders als diszipliniert beschreiben. Nicht locker lassen sagt er, everybody counts. Interesse, Neugier, Haltung, denke ich und versuche gedanklich über die Disziplin den Bogen zu Arbeit und Leben zu formulieren. Ich streiche alles, Disziplin riecht schnell nach Zucht und Ordnung, oder ebenso schlimm, nach Lebensberatung.

Ich erinnere mich an ein Zitat von Alice Munroe, in dem sie beschreibt, wie hart mit sich selbst sie an ihren Sätzen feilt, streicht und kürzt und immer wieder, immer noch ein Wort findet das sie rausnimmt. Zauberhaft Geschriebenes, das von eben dieser unglaublichen Präzision des nicht Gesagten lebt. Kunst und Disziplin. Es geht immer weiter, es geht immer besser und es geht, sagt sie, dran bleiben.

An einem der Tage, an denen ich über Disziplin schreiben wollte, komme ich unweit der dffb vorbei an der Gemäldegalerie, wo die Mansi-Magdalena im Großformat an der Aussenwand in der Sonne verblasst. Gemalt im Übrigen in etwa zur selben Zeit und in der selben Gegend, in der der echte Hieronymus Bosch gearbeitet hat. Von innen leuchtend blickt sie nach unten in zarter Anmut und zuversichtlicher Klarheit, standhaft glänzendes Treibgut in schwerer See. Ein Bild von Trost und Kraft, das mich schon lange begleitet. Durchhalten, sagt sie.

Nichts hat mich in dem Zusammenhang zuletzt so beeindruckt wie Arbeit und Struktur von Wolfgang Herrndorf, wo ein Kapitel tatsächlich mit Tanz der seligen Geister nach einem Buch von Alice Munroe überschrieben ist. Energie und Intensität, die mich mitgenommen hat und mitgenommen hat. Disziplin und Kunst.

Die Tage, an denen ich über Disziplin schreiben wollte, muss ich nichts schreiben, denke ich, weil alles schon geschrieben ist. Losgehen und immer in Bewegung bleiben, hätte man auch einfach schreiben können.

Michael Bertl