Gemischte Gefühle

Mein Weg zum Film war nicht unbedingt vorgezeichnet. Ich bin ohne Fernsehen aufgewachsen, Kinobesuche waren kein üblicher Zeitvertreib, meine vier Geschwister und ich wurden in der Überzeugung erzogen, dass Filme zu sehen Zeitverschwendung, mehr noch: Zeit- „Totschlagen” sei. Es wurden bei uns oft und gerne Geschichten erzählt, es wurde gesungen, am Küchentisch gab es Debatten über Theologie und Politik: Nicht die Fiktion, das „Untote” des Medienkonsums stand im Mittelpunkt der Kritik.

Meine Großmutter war der Meinung, ich sähe dem (ersten) Jungen aus LASSIE (USA 1954 - 72) ähnlich, was ich als Beleidigung empfand. Sein gut gelaunter Gehorsam war mir unerträglich. Aber sie hatte nicht ganz unrecht.

Erst später habe ich erfahren, dass mein Vater, die meiste Zeit seines Lebens Berufschullehrer, zuvor Handwerker in den verschiedensten Feldern, als unglücklicher, sich vom Vater verfolgt fühlender Jugendlicher wieder und wieder im Kino Zuflucht gesucht und gefunden hatte. Aber so sehr ihm damals der Trost des Kinos willkommen war, so sehr verband sich das Medium für ihn mit den Defiziten seines Lebens. Das Kino war ihm eine „Bedürfnisanstalt”, für die er in der Fülle des Lebens, in der er seine Kinder wähnte, keinen Sinn sah.

Lieblingsfilm meiner Großmutter war SISSI „Schicksalsjahre einer Kaiserin” (D 1957). Den Moment, in dem sie die Herzen der Venezianer gewinnt, weil sie kinderlieb ist („Viva la mama.”) – habe ich auch als Gefühlsrausch erlebt.

Ich hätte ihm damals recht gegeben, wie ich überhaupt unser Anders-sein als eine Art Auszeichnung empfand, eine Einschätzung, die im Pausenhof, schon damals beherrscht von Medienthemen („hast du … gesehen”), wieder und wieder verteidigt werden musste. Das Gefühl, Opposition zu sein, gehört zu den Konstanten meines Lebens. Nicht, dass nicht auch Leid damit verbunden gewesen wäre, aber alles in allem war ich einverstanden, Beobachter zu sein, nicht „Mitte”.

Nach dem Skifahren sahen sich die großen Geschwister im Ferienhaus WEM DIE STUNDE SCHLÄGT (USA 1943) an. Ich musste vor dem Ende ins Bett. „Stirbt Cary Cooper eigentlich?” frage ich mich heute noch manchmal. Die Erinnerung vergrößert.

Ich war siebzehn, als ich von einem Freund, der mir auf ungesunde Art dem Kino verfallen schien – ganz in der Art der „Bedürfnisanstalt” meines Vaters – in die Filmgeschichte eingeführt wurde, übrigens nicht durch den Seiteneingang der Cinephilie, sondern durchs „Hauptportal” amerikanischen Mainstreams: mein Freund suchte im Kino den Suggestionsrausch, die Ermächtigung, entsprechend war sein Pantheon bevölkert von Cameron, Lucas, Spielberg, Coppola, Lynch. Viele Filme hatte er in seiner für damalige technische Möglichkeiten sehr raffinierten Heimkinoanlage (mit einem Drei-Röhren-Beamer) verfügbar, aber das erschien mir damals als dürftiger Ersatz.

Einmal, ich muss zwölf gewesen sein, nahm mich mein Vater in die Moroder-Version von Fritz Langs METROPOLIS (D 1927 / 1984). Ich glaube, er wollte mir einen „Klassiker” zeigen. Den Schichtwechsel – wie die Arbeiter rhythmisch in den Tunnel ein- bzw ausrücken – werde ich nie vergessen.

Ich habe also alles Verfügbare im Kino gesehen, zunächst in München, nach dem Abitur (1992) dann in Berlin. Allein in der fremden Stadt, „hungrig nach Sinn”, mit einem (vergleichsweise) überwältigend großen Kinoprogramm, gab es wenig konkurrierende Vergnügungen für mich.

Bei meiner Tante haben wir als Teenager ein paar Mal KNIGHT RIDER (USA 1982-86) gesehen und uns nachher wirklich sehr geschämt. An die Scham erinnere ich mich viel stärker als an das sprechende Auto.

1996 begann ich Film zu studieren, zurück in München, die Ära DVD hatte bereits begonnen. Anders als bei meinen Kommilitonen war meine Kinoliebe ziemlich frisch, das Kino war zum zentralen Ritual meines jungen Lebens geworden. Mein Ernst störte unter Leuten, für die das Medium so alltäglich war wie fliessend Wasser – und denen es eher darum zu gehen schien, „beim Film” zu sein, als Filme zu sehen oder zu machen.

Mit meiner Schwester S. war ich ein halbes Dutzend mal in DIRTY DANCING (USA 1987). Wir haben uns beide mit dem Mädchen identifiziert.

Die stärkste Triebfeder, Filme zu machen, waren nicht so sehr die Filme, die ich gesehen hatte als der Wunsch, Filme zu machen, die es noch nicht gab. Die ich noch sehen wollte. „Ich bin des Hungers wegen Koch geworden.”

Mit meinem älteren Bruder W. war ich bestimmt zehn mal in IM RAUSCH DER TIEFE (F 1988). Damals liefen Erfolgsfilme oft monatelang. Am meisten beeindruckt hat mich, dass das Herz des Helden „unmenschlich langsam” schlägt, wie ein Arzt im Film erstaunt anmerkt.

Meine Eltern haben sich, kaum waren wir Kinder aus dem Haus, einen Fernseher gekauft. Das habe ich als Verrat empfunden, damals.

Christoph Hochhäusler