Einer meiner Lehrer, der polnische Regisseur Kieslowski, sagte einmal, dass er eines auf der Filmhochschule nicht gelernt habe: seine eigene Stimme zu entdecken, auf sie zu vertrauen.

Er habe mühsam erst durch die eigene Arbeit lernen müssen, den Mut zu entwickeln, gegen Redakteure, Produzenten, Verleiher, ja auch gegen das Urteil befreundeter Kritiker, den eigenen Blick auf die Welt zu entdecken, zu bewahren und durchzusetzen. Kieslowski hat diesen Kampf in den 80er Jahren gegen die Zensoren, die polnische Militärjunta, geführt und später vor allem gegen sich selbst. Immer rastlos, immer unzufrieden, immer getrieben im Ringen um diese eigene, nahe und doch fremde innere Stimme. Seinerzeit haben wir viel gestritten, ich warf ihm vor, die eigene Stimme bei uns Schülern zu fordern und sie zugleich durch sein künstlerisches Schwergewicht zu erdrücken. Wir haben uns getrennt und nicht wiedergefunden, er starb ohne Ankündigung, ohne Abschied. In dieser Zeit fing ich selbst an zu unterrichten. Wenn für mich etwas von Kieslowski bleibt, dann die Ermutigung, diese eigene Stimme zu suchen und ihr treu zu bleiben, sie zu einer inhaltlichen und ästhetischen Notwendigkeit zu entwickeln.

Wir leben nicht in Zeiten des Kriegsrechts, der Zensur. Der Zugang zu den medialen Produktions-und Vertriebswegen hat sich auf den ersten Blick demokratisiert, alles kann überall gesagt und gezeigt werden. Im Zusammenhang mit der Durchsetzung des Eigensinns von Mut zu sprechen, klingt anmaßend und fast ein bisschen altmodisch. Aber gerade weil in einem endlosen Fluss von Bildern alles zugänglich und verfügbar ist, ist es umso wichtiger, Werke zu schaffen, die sich diesem Terror der Verfügbarkeit entgegenstellen, die die Zeit anhalten, einen zweiten und dritten Blick auf scheinbar Bekanntes werfen, Vertrautes in neue Zusammenhänge setzen und dadurch ungewohnt, fremd und eigen auf diese Welt schauen.

Das wird nicht immer so gewollt und gemocht, es fordert, ja, auch Mut, von den Machern und denen, die die Werke ermöglichen. Eine Hochschule, eine Akademie, kann die dafür notwendigen Bedingungen schaffen – im Sinne eines Treibhauses, in dem der Eigensinn geschult wird. Sinnstiftender kann die Existenz einer Akademie nicht begründet werden.

Andres Veiel