Über Regie
Regiearbeit als Teil oder bestimmte Phase des Filmemachens zu betrachten meint, sich auf eine theoretische Diskussion gegen eine Ganzheit einzulassen, der jeder Künstler während seiner Arbeit verpflichtet ist. Jeder Aspekt des Filmemachens ist gleich wichtig, und alle Aspekte fliesen in das Ganze ein. Daher geht es hier nicht darum zu erklären, wie man Regie führt, sondern um gedankliche Anstöße, Suche nach Inspiration und den Raum für Improvisation – die es unseren Studenten möglich machen sollen, kreativ zu sein und sich in ihrer Arbeit selbst zu verlieren und zu finden.
Was mag das heißen? Es heißt, immer und überall offen sein für Ideen: während wir gehen, essen, uns lieben, eine Zeitung oder ein Buch lesen, Filme anschauen, jemandem zuhören, herumschauen, mit offenen Augen träumen oder uns an etwas erinnern. Und gleichzeitig etwas Ausdrucken wollen, um jeden Preis.
„Es gibt keine Regeln“ ist der Titel einer sehr kurzen Erzählung von Roberto Bolano, in der er schreibt: „Macht diesem dummen Arnold Bennet klar, dass all seine Regeln zur Handlung nur auf Romane zutreffen, welche sowieso schon Kopien anderer Romane sind.“ Und so weiter und so weiter. Was sollen wir dann erst vom Kino von heute halten? Mehr denn je sollten wir jenes Kino verstehen und lieben, das es wagt, wahrhaftiger und authentischer, mehr bei sich selbst zu sein als je zuvor.
Für jeden Regisseur kommt der Moment, nachdem er seine Ideen gesammelt hat, bestimmte Bilder, eine bestimmte Art von Entwicklung, ob psychologisch oder materiell, und er zur Tat schreiten muss. Beim Filmemachen ist dieser Moment der fragilste: der Moment, in dem der Regisseur seine Charaktere arrangiert, ihnen Worte gibt und sie im Raum bewegt; der Moment in dem er durch die vielfaltigen Beziehungen zwischen Personen und Dingen, zwischen dem Rhythmus des Dialoges und dem der ganzen Sequenz, die Bewegungen der Kamera mit der Psychologie der Situation verbindet.
Der heikelste und gleichzeitig widersprüchlichste Moment dieser einsamen und gleichzeitig kollektiven Arbeit des Regieführens aber ist, wenn der Regisseur von all seinen Mitarbeitern jeden noch so fremden Vorschlag, jede noch so ferne Anregung sich zu eigen macht, um seine Arbeit dadurch noch persönlicher, oder gar, in einem weiteren, tieferen Sinn, autobiographischer zu machen.
Seit seiner Geburtsstunde will uns Kino etwas lehren. Man denke nur an die Filme von Charlie Chaplin. Filme geben uns allen Grund, über unser Leben nachzudenken. Dabei fällt uns ein Gedanke von Robert Bresson ein:„Many people are needed in order to make a film, but only one makes, unmakes, remakes his images and sounds, returning at every second to the initial impression or sensation which gave birth to these things, and which is incomprehensible to the other people”.
Ihr ahnt, wen er damit meint!
Kamal Aljafari (leitender Dozent Studiengang Regie)