Über das Bildermachen

Wir sind umgeben von bewegten Bildern. Mehr als jemals zuvor beherrschen diese Bilder unsere Welt, prägen unsere Kommunikation und bestimmen unsere Gefühle und Gedanken.
Eine Bilderflut umgibt uns, unüberschaubar in ihrer Allgegenwart und Beliebigkeit.
Der Umgang mit diesen Bildern ist sorglos und dabei verändert sich die ursprünglich sinnliche Erfahrung des Bilderbetrachtens. Die Bedeutung und die Kraft des Bildes werden flüchtiger, von dem wertgeschätzten Gut eines einzelnen Negatives zu einem vergessenen File unter Milliarden auf einer summenden Festplatte.
Dies ist die Realität und zugleich die Herausforderung, der man sich stellen muss, wenn man eine Kamera in die Hand nimmt, in der Ausbildung ebenso wie in der beruflichen Praxis.

Wie müssen die Bilder, die Geschichten, die Filme, aussehen, damit sie gesehen und nicht übersehen werden? Gesehen werden wollen, immer wieder gesehen werden wollen?

Ein paar mögliche Ansatz- oder Ausgangspunkte dazu im Folgenden.
Zunächst ist einmal das Wie entscheidend beim Bildermachen, die Haltung, die Aussage und erst dann das Womit.
Bildgestaltung bedeutet weiterhin die Fähigkeit zur Vorstellung eines Bildes. Ein Bild sehen können.
Und zuletzt Verantwortungsbewusstsein und Sorgsamkeit, gegenüber dem Raum, dem Licht, der Farbe, den Personen und der Emotion.

Als bildgestaltende/r KameraFrau/Mann, als Director of Photography, muss man zunächst selbstverständlich ein Handwerk erlernen und dieses in Theorie und Praxis beherrschen. Der Umgang mit Aufnahmetechniken, Film, Video, Kameras, Optiken, Formaten gehört dazu, ebenso wie die Beschäftigung mit den optischen Gesetzmäßigkeiten, den kinematografischen Möglichkeiten der Raum- und Zeitdarstellung und ihre wahrnehmungspsychologischen Auswirkungen.

Es gilt nicht nur, den Umgang mit der Kamera zu erlernen, Cadrierung und Bewegung, sondern vielmehr, die Distanz zu ihr zu verlieren, um nicht mehr durch die Kamera zu blicken, sondern mit ihr. Die Kamera wird zum Auge. Erst wenn das Gerät verschwunden ist kann man damit gestalten und verbinden. Die Kamera verbindet das Spiel mit dem Zuschauer und man kann nur verbinden wenn man selbst verbunden ist.

Man muss lernen, Positionen und Perspektiven zu entwickeln, im faktischen wie im übertragenen Sinn. Mit der Wahl der Position, des Blickwinkels, des Bildwinkels, der Tiefenschärfe und der Abbildungsgröße trifft man eine Entscheidung, die im Fortlaufen der Bilder eine Haltung definiert, für das nächste Bild, für die Sequenz, den gesamten Film. Dem Film wird ein Gesicht gegeben, eine Sprache. Die Sprache der Bilder. Je dezidierter diese Sprache entwickelt, überprüft und ausformuliert wird, desto unverwechselbarer und eindringlicher wird der Film.

Man muss als Bildgestalter Aussagen und Entscheidungen treffen können. Nur so lässt sich die Nähe schaffen, die es braucht, um mit den Bildern auch die Emotionen spürbar werden zu lassen.
Als Mittler befindet sich die Kamera im Dialog von Spiel und Regie, sie wirkt mit, atmet mit.
Sie zeichnet mit dem Licht die Emotionen auf und trägt sie zum Zuschauer. Man wird diesen Gefühlen begegnen, man muss sich ihnen stellen.
Das gilt für alle, die ernsthaft und glaubwürdig arbeiten wollen. Das gilt für die Ausbildung im Bereich Bildgestaltung/Kamera an der dffb.

Michael Bertl